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DANK AN EINEN MALER

Einem Wachstum zusehen - bei einem Baum, einem Menschen, einem künstlerischen Werk - das ist eine große und anhaltende Freude.

Ein Künstler wird mit den Jahren nicht notwendigerweise besser. Die Höhepunkte eines Werks folgen keiner Chronologie. Manchmal ereignen sie sich früh und werden nie wieder erreicht, bei Peter Tomschiczek verhält es sich anders. Die Geschichte seiner Malerei ist die Geschichte einer immer reicheren Entfaltung.

Seit langem entstehen Tomschiczeks Bilder in Motivreihen. Sie haben keine Einzeltitel, sondern tragen Bezeichnungen, die sie der jeweiligen Reihe zuordnen: Macchiatisch, zum Beispiel, Gatterweg Plat oder, ab 1995, Senegambia. Obwohl alle Bilder einer Reihe aus derselben konkreten Wirklichkeit kommen, gleicht doch keines dem andern. Das ist ebenso erstaunlich wie beeindruckend, denn die Reihen sind umfangreich. Was für ein Auge, lese ich daran ab, hat der Maler Tomschiczek, was für ein hoch differenziertes Wahrnehmungsvermögen. Wo andere eine Situation durch drei oder vier Außenreize gekennzeichnet sehen, sieht und speichert er zwanzig. Er ist ein Mann von außerordentlicher Wachheit. Über die Schärfe seines Blicks und seine besondere Erlebnisfähigkeit zu sprechen, ist nicht müßig. Wenn jemand etwas klein und matt in sich hineinsieht, kann er es auch nicht groß aus sich herausmalen. Das ist ein Teil der alten Wahrheit, dass letzten Endes die Persönlichkeit den Rang eines Künstlers bestimmt.

Wie die Titel der Motivreihen zeigen, verschlüsselt Tomschiczek die Herkunft der Farb- und Formimpulse, die er in seinen ungegenständlichen Bildern verarbeitet, nicht. Es liegt ihm sogar daran, dass die Herkunft bei der Betrachtung mitgedacht wird. Zwar sind die Bilder autonom, ein eigengesetzliches Spiel der Kräfte, aber Tomschiczeks Abstraktion bedeutet keine Loslösung von der Natur. Sie ist Verwandlung und Verdichtung. Die auf diese Weise entstehenden Bildwirklichkeiten bedürfen der hinzutretenden Information nicht, sie legitimieren sich aus sich selbst. Dennoch ermisst man erst ganz, in welchem Maß Tomschiczeks Malerei auch ein Akt der Vergeistigung ist, wenn man eine Anschauung von ihren Ausgangspunkten hat.

Obwohl ich die Arbeit dieses Künstlers seit fünfundzwanzig Jahren aus nächster Nähe teilnehmend verfolge, haben die Atelierbesuche bei ihm nichts von ihrer Anziehung verloren. Das Atelier bleibt ein magischer Ort und ich betrete es eher mit noch gespannterer Erwartung als früher. Zu welchen überraschenden Variationen ist Tomschiczek in seinen neuen Bildern dies- mal gekommen? Seine kombinatorische Kraft scheint unerschöpflich. Keine Spur mehr auf den fertigen Leinwänden von den Schwierigkeiten der Bildfindung, die auch er, wie jeder Künstler mit hohem Anspruch, phasenweise durchleidet. Alles wirkt einleuchtend und selbstverständlich, wie das Produkt einer mühelos strömenden Fülle - und hat doch zugleich stets ein Verblüffungsmoment, das sich auch bei häufiger Betrachtung des Bildes nicht abnutzt. Die oft traumwandlerisch anmutende Sicherheit des malerischen Zugriffs ist einer der stärksten Eindrücke vor Tomschiczeks Arbeiten.

Ich empfinde seine Bilder als Energieträger von ungewöhnlicher Strahlungsintensität. Es scheint, als sei die Körperdynamik des Künstlers, der beim Malen ständig in Bewegung ist, ganz in sie eingegangen. Diese Eigentümlichkeit erfährt man vor allem, wenn man mit den Bildern lebt. Sie geben Kraft ab ohne dass ihre Aufladung mit Energie sich verringert. Erklären lässt sich das nicht. Aber gerade dies, die Wahrnehmung des Geheimnisses, das in einem Bild steckt, heißt vielleicht, es verstehen.

Rainer Malkowski